Montag, 20. Mai 2013
Hurricane Festival 2012 - Scheeßel, Eichenring (22.-24.06.2012) PDF Drucken E-Mail


Insgesamt 73.000 Besucher waren es in diesem Jahr. Ein neuer Besucherrekord für das Hurricane-Festival, das trotz kleinerer Ungereimtheiten, zweier Bandabsagen und dem Wetter am Festival-Sonntag auch sonst in jeglicher Hinsicht als voller Erfolg gewertet werden kann. Mit Highlights wie The Cure oder auch Noel Gallagher’s High Flying Birds, aber auch Überraschungen wie M83 oder Die Antwoord, war für jeden Musikfreund etwas dabei. Aber eins nach dem anderen, begonnen mit Festival-Tag Nummer 1


Freitag, den 22.06.2012:

Bei der Ankunft in Scheeßel machte sich zunächst Verwunderung ob der seltsamen Bändchen breit. Tatsächlich: Nachdem der an sich hervorragende Plan der RFID-Bändchen in letzter Sekunde scheiterte, sah man viele Besucher mit grünen und orangenen Plastik- und Papierbändchen, da die Festivalbändchen ausgegangen waren. Dann also Bändchen ohne Aufdruck, dachte man sich, und ging auf das Gelände. Zum Beispiel, um sich 16:25 Uhr Jennifer Rostock anzuschauen, die auf der Blue Stage spielte, eine Art „Alternative Stage“, wenn man so will. Dass die Auftritte der Band um Jennifer Weist stets ein ambivalentes Vergnügen sind, konnte man auch hier bei bestem Sonnenwetter wieder sehen. Ansprechende deutschsprachige Rockmusik mit gelegentlichem Hang zum Punk, eröffnet mit Meine bessere Hälfte, konnte das textsichere, zahlreiche und überwiegend recht junge Publikum von den ersten Tönen an begeistern. Es bedarf allerdings keiner großen Prüdheit, um von den ständigen, längst nicht mehr provokationsfähigen Ansagen über Schamlippen, Titten und sonst was, etwas genervt zu sein. Ob die Band dies nötig hat, sei dahingestellt, aber dem Publikum wurde das geboten, was es wollte. Ein insgesamt solider Auftritt!

Es blieb voll an der Blue Stage und ein bewährter Plan ging auf: Spielte er schon 2009 am Freitagnachmittag der Blue Stage, so tat er es auch 2012 wieder. Zwei Tage nach der mehr als ausverkauften Festival WarmUp Show im Hamburger Knust, nur rund 80 Kilometer entfernt, enterte Axel Bosse mit seiner Band um 17:30 Uhr die Bühne und konnte von Anfang bis Ende begeistern. Druckvolle deutschsprachige Rockmusik, die genau den Nerv der Zeit trifft und dabei zu Recht begeistern konnte. Eröffnet mit Metropole zeigte er gleich sein Erfolgsrezept: Es sind eben nicht nur gelungene Rock-Klänge, sondern es steckt auch viel Gefühl darin. Dargeboten von einem Typen, dem man das hundertprozentig abnimmt, was er da singt. Gänsehautmomente bei Stücken wie 3 Millionen waren da vorprogrammiert und kamen folglich auch. Bosse suchte die Nähe zum Publikum und fand sie, sein Set kam gänzlich ohne Schwachstelle aus. Wenn er dann auf einem Sommer-Festival mit entsprechendem Wetter in Alter Strand auch noch vom Strand mit dem besten Bier der Welt singt, ist die ganze Nummer ein Selbstläufer. Das abschließende Frankfurt/Oder setzte auch ohne Anna Loos den gelungenen Schluss einer Show, die man schon als ein erstes frühes Highlight des Festivals ansehen kann.

Eindeutig: Es war der Tag der Blue Stage. Also gleich dort geblieben, denn: Casper spielte auf. Dass es eine gute Idee war, ihn zu diesem Festival einzuladen, zeigten die riesigen Menschenmassen vor der Bühne. Dass es aber keine so gute Idee war, ihn auf der Blue Stage spielen zu lassen, zeigten – ebenso – die riesigen Menschenmassen vor der Bühne. Dass der Auftritt diese Menschenmassen aber verdient hatte, steht außer Frage. Casper, der hier vor allem sein Nummer 1-Album XOXO präsentierte, trat den erfreulichen Beweis an, dass man es auch mit Rap mit intelligenten und durchdachten Texten nach ganz oben schaffen kann. Mit Band-Besetzung inklusive neuem Gitarristen, die für Indie-Einschlag in der Musik sorgte, vermochte er es, die Zuschauer bis in die letzte Reihe zum Mitspringen zu animieren, vertonte ein großes Gefühlsspektrum und war so etwas wie der Soundtrack einer heranwachsenden Generation. Bei Mittelfinger hoch zeigte er seine aggressivere Seite und sorgte für zehntausende hochgetreckte Mittelfinger am Eichenring, mit So perfekt hingegen sorgte er für einen harmonischen Ausklang.


Nach Casper aus der Menschenmenge zu kommen, gestaltete sich schwierig – gute 20 Minuten dauerte es, bis man rausgetrieben war, ohne dabei wirklich selbst zu entscheiden, wo es hingehen soll. Daher wäre für Casper die Green Stage die richtige Lösung gewesen. Dafür ist es nun zu spät. Die folgende Geländerunde diente schon einmal der Suche nach einem Stand mit Fernseher, um zwischenzeitlich mal bei Deutschland gegen Griechenland reinschauen zu können. Und siehe da: Der Stand eines Fußballvereins bietet auch die Fußballübertragung. Fernab persönlicher Fußball-Club-Präferenzen konnte man dem Stand des FC St. Pauli hier nur dankbar sein.


Viel Zeit für die freitägliche Geländerunde war aber nicht, denn – wo auch sonst? – auf der Blue Stage brachte sich die nächste Band in Position, um den bayerischen Teil des Abends in die Wege zu leiten. LaBrassBanda traten zur besten Sendezeit, um 20:15 Uhr, an, um die Meute... Ja, was eigentlich? Zu rocken? Zu punken? Denn eins ist klar: LaBrassBanda machen einfach das, was sie wollen – mit Blasmusik auf einem großen Rock-Festival zu punkten, ist schon eine große Kunst. Erfreulich: Stefan Dettl und seine Mannen schafften es mit Bravour, sorgten für grandiose Stimmung und brachten die Menge zum Tanzen. Denn neben Rock- und Punk-Einflüssen fühlt man sich gelegentlich gar wie auf einer Techno-Party. Mit nebenher noch sympathischen Ansagen, original auf Bayerisch gehalten, konnte man hier überzeugen.


Obgleich gerade Deutschland gegen Griechenland das Viertelfinale ausspielten: Auf den Bühnen ging es munter weiter. Während LaBrassBanda spielten, hatten auch All Shall Perish auf der Red Stage, die in diesem Jahr erfreulicherweise ebenfalls open air war und nicht mehr als Zirkuszelt auf dem Gelände stand, eine beachtliche Zuschauerschar versammelt, um diese mit ihrem Deathcore zu rocken. Druckvolle Sounds, die auch begeistern konnten, wenn man mit dem anderen Auge gerade das Viertelfinalspiel verfolgte.


Dass dann ausgerechnet die Sportfreunde Stiller um 22:00 Uhr, während des noch laufenden Fußballspiels, die Bühne betreten mussten, ließ sie vermutlich ihren eigenen Vertrag verfluchen, gewährleistete aber auch für die anwesenden – und sehr zahlreichen – Zuschauer vor der Bühne, stets auf dem Laufenden zu sein, was den Spielstand betrifft (bis zum Endstand von 4:2, den es bald zu feiern gab). Haben sie vor einem guten Monat noch im sehr kleinen Rahmen das Hamburger Molotow im Kampf gegen den Abriss unterstützt, so war heute wieder die große Bühne auf dem Programm. Passend zum Rahmen eröffneten sie mit 54, 74, 90, 2010, allerdings umgemünzt auf „2012 werden wir Europameister sein“. Wie die Realität aussieht, wissen wir alle inzwischen, aber für die Stimmung war es ein Glücksgriff. Was folgte, war ein Best Of-Set durch die inzwischen lange Bandgeschichte der Sporties, die mit Stücken wie Wunderbaren Jahren, Fast wie von selbst und wie sie alle heißen, brillieren konnten. Trotz der mächtigen Konkurrenz auf der Green Stage blieben die Fans zahlreich vor der Blue Stage und bescherten den zweiten bayerischen Vertretern des Abends einen gelungenen Abend.


Ab 22:30 Uhr dann auf der Green Stage einer der absoluten Headliner des Festivals: The Cure. Während das jüngere Publikum (soll heißen: unter oder Anfang 20) hier nicht ganz so zahlreich vertreten war, fanden sich große Menschenmengen ein, die ihren Idolen (oder teilweise auch: Jugendidolen) um Robert Smith huldigen wollten. Und er gab ihnen in seinem mit zwei Stunden sehr großzügig ausgelegten Set auch allen Grund dazu. Spielte man zuletzt im Jahr 2004 auf derselben Bühne und sorgte teilweise für Verstörung, weil nicht gerade viele Hits enthalten waren, ging man die Sache anno 2012 dann ganz anders an: Sehr zur Freude des Publikums spielte man ein Best Of-Set, das auf ganzer Linie überzeugen konnte und sich durch sämtliche Schaffensphasen der Band zog. Spätestens als an zweiter Stelle Pictures Of You gespielt wurde, hatte Robert Smith, an diesem Abend außerordentlich gut gelaunt, das Publikum voll im Griff. The Cure verbreiteten an diesem Abend eben genau die Atmosphäre, die zu verbreiten ganz allein The Cure in der Lage sind. Nummern wie Just Like Heaven sorgten für viel Bewegung und Gänsehäute. Gar zu Friday I’m In Love ließ er sich hinreißen, was naturgemäß auf einem Festival wie dem Hurricane gnadenlos gefeiert wird. Aber auch die verzweifelten Momente fehlten nicht: Kurz vor Schluss beispielsweise mit One Hundred Years, einem der verzweifeltsten Stücke, die je geschrieben wurden. Dass mit Disintegration Schluss sein sollte, wollte folglich keiner glauben. Auch Robert Smith selbst nicht, sodass es mit The Same Deep Water As You und dem finalen Boys Don’t Cry noch einmal Nachschlag gab. Was für ein Auftritt!


Inzwischen 00:30 Uhr war aber dennoch kein Ende in Sicht. Die wiedervereinten Stone Roses enterten zu später Stunde noch die Blue Stage. Dass der Name Stone Roses inzwischen leicht verblasst ist, zeigte die überschaubare Menschenmenge dann deutlich. Bei ihrem Auftritt boten die Mannen um Ian Brown ein Best Of-Set, bei dem sie gleich zu Beginn I Wanna Be Adored zum Besten gaben, aber leider auch zeigten, dass ihr Sänger mit Band genauso wenig tonsicher ist wie auf seinen Solo-Touren. Wie man nachfolgenden Generationen nach diesem Auftritt erklären sollte, dass da gerade Legenden auf der Bühne sind, blieb schleierhaft. Schade zudem auch, dass sie mit einem Fotovertrag aufwarteten, der nicht akzeptabel war und somit von den Fotografen durchweg ignoriert wurde. Anders machten es indes Pennywise, die um 01:00 Uhr noch einmal die „kleine“ Red Stage aus allen Nähten platzen ließen und mit ihren bewährten Punk-Klängen dafür sorgten, dass die Zuschauer die letzten Akku-Reste für den Freitag entleerten und glückselig ins eigene Zelt, ins Partyzelt oder auch zum bierseligen Resümee des Tages zu schicken.



Samstag, den 23.06.2012:


Es war Samstag, es war Tag 2 des Hurricane Festivals 2012 und die Sonne zeigte sich direkt am Morgen erneut. Man kann Robert Smith also dankbar sein, dass er am Vorabend bei seinem grandiosen Konzert darauf verzichtete, mit seiner Band Prayers for Rain zu spielen. Frische Dusche, frischer Kaffee, frisches Frühstück und frühzeitig frisch ins Auto, um ein zweites Mal den Weg von Hamburg nach Scheeßel anzutreten. Nach erfolgreicher Parkplatzsuche ein kurzer Fußmarsch zum Gelände... Und ab dafür!

Die Uhr sagt 14:00 Uhr, der Zeitplan für die Green Stage sagt: 14:05 Uhr spielen Band of Skulls. Also mal munter geschaut, was die Band auf der Bühne so kann. Vor einer gerade in Anbetracht der Uhrzeit ansehnlichen Zuschauermenge spielte das Trio ansprechenden Indie-Rock mit Ecken und Kanten, die maßgeblich für den spröden Charme der Sounds der Band verantwortlich sind. Die Songs können dennoch mitreißen, lassen Gitarrenwänd entstehen, die sich in melodiösen Passagen auflösen und begeistern dabei. Wenngleich die Teilnahme am Twilight-Soundtrack und der ewige „next big thing“-Hype in der britischen Presse für manche böse Vorzeichen darstellen mögen: Wer sich hier live vom Können der Band überzeugen ließ, hatte die Gewissheit, dass all die Vorschusslorbeeren bei dieser Band auch im Nachhinein noch zu bestätigen sind.

Die letzten Klänge der Band of Skulls begleiteten dann auch schon den Weg eine Bühne weiter: Auf der Blue Stage spielten um 14:45 Uhr Everlaunch auf. Die Band hatte hier ein Heimspiel, sind es von Rotenburg (Wümme) doch bloß 15 Minuten Anfahrt. Und sie konnten auf ganzer Linie überzeugen. Mit ihren britisch angehauchten Indie-Klängen präsentierten sie Gefühl und Rock-Potenzial, mit dem sie die ebenfalls schon sehr zahlreichenden Anwesenden nicht nur begeistern, sondern auch zum Mitgehen und mitunter auch zum Mitsingen animieren konnten. Dabei spielten sie ein gelungenes Set aus ihren beiden Alben, darin natürlich auch Run Run Run enthalten, das es einst bis auf MTV schaffte. Aber auch die Stücke des Zweitlings Number One überzeugten, wie Hurricane als Quasi-Titelsong zum Wochenende oder auch Fray Your Senses. Der Abschluss Setting Sun sorgte dann noch für einen dieser Festival-Momente, von denen man gerne erzählt... Es fiel mal eben die gesamte Soundanlage der Bühne aus und es war nur noch der Bühnen-Sound zu hören. Ob die Band dies merkte oder nicht, ist nicht ganz geklärt, aber dass sie einfach weitermachten, als sei nichts gewesen, übertrug sich auch aufs Publikum. Ungeachtet des kaum noch vorhandenen Sounds wurde die Band um Thorsten Finner von den Zuschauern frenetisch weitergefeiert. Und das, man dürfte es nach diesem Absatz auch schon erahnen, vollkommen verdient!

Die Frage, wie groß die Schädigung der Soundanlage war, beantworteten Kakkmaddafakka als nächster Act und die Band mit dem eigenwilligsten Namen auf der Blue Stage. Die norwegische Indie-Band konnte klangtechnisch wieder aus dem Vollen schöpfen und tat dies auch. Stücke wie Make The First Move und Gangsta wurden dankbar von der Fanbase angenommen. Dennoch aber stand auch mal ein Blick auf die Green Stage auf dem Programm, wo die Eagles Of Death Metal um 16:30 Uhr anstanden. Die Band um Jesse „The Devil“ Hughes hatte aber vor allem eines im Gepäck: Lautstärke. Wer die Band mochte, war sichtlich begeistert davon, Titel wie Cherry Cola live zu hören. Um neue Fans zu akquirieren, war dies aber eher der falsche Rahmen.

Ein erneuter Blick auf den Zeitplan also für die Alternativen-Suche. Da musste man jedoch nicht lange überlegen, sondern sich lieber selbst beinah ohrfeigen, dass man es fast verdaddelte, dass ja Gus Gus auf der White Stage spielen. Und der erste Besuch auf der White Stage, der einzig verbliebenen Zeltbühne des Hurricane Festivals, sollte sich auf ganzer Linie lohnen. Zwar war das Zelt nicht so richtig gut gefühlt, aber vor der Bühne war dann doch eine ansehnliche Schar versammelt, die sich in ständiger Bewegung befand, während man sich im hinteren Bereich des Zeltes fragte, ob da nicht doch noch etwas anderes als Koffein in der Cola war. War es nicht, tatsächlich liefen dort ein Obelix-Verschnitt, eine Banane und ein riesengroßer Affe herum. Das Hurricane ist eben auch der Ort, auf dem die Menschen ihre Exzentrik ausleben. Allesamt konnten sie bei Gus Gus feststellen: Die White Stage hat einen beeindruckenden Sound, der den Klängen von Gus Gus sehr entgegenkam. Technoide Klänge mit Innovation, Bewegung auf der Bühne und permanente gute Laune sowie so ein Bewegungsdrang in den Beinen – das war es, was Gus Gus hier boten und bewirkten. Eine wahrlich großartige Dreiviertelstunde der Isländer!

Verschnaufpause? Fehlanzeige! Weiter geht es, die Rückkehr zur Blue Stage war an der Reihe. Einer der ganz Großen spielte auf: Thees Uhlmann und seine Band waren an der Reihe. Ist er sowieso bei einer ganzen Generation höchstbeliebt, so ist die Nähe dieses Auftritts zu Hamburg dann vermutlich noch ein weiterer Faktor, der diesen Auftritt vor vollem Haus zu einem Selbstläufer werden lässt. Neben seinen Songs sind auch die Bühnenansagen immer wieder ein Highlight seiner Shows, zum Beispiel wenn er erzählt, wie ihn einst eine Drogeriemarkt-Verkäuferin mit den Worten „Sie kenne ich! Sie sind doch der mit dem Fischlied!“ begrüßte. Natürlich, besagtes „Fischlied“ fehlte auch nicht. Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf auf Hälfte des Sets hielt die Stimmung hoch, aber auch Stücke wie & Jay-Z singt uns ein Lied wurden vom Publikum dankbar aufgenommen. Gefolgt von XOXO, einem Casper-Cover, den Thees Uhlmann noch einmal lobend erwähnte und sich erfreut dazu äußerte, dass neben Acts wie Bushido und Sido eben auch noch intelligente Künstler wie Casper auf die Nummer 1 kämpfen können. Die Toten auf dem Rücksitz markierte anschließend den Schlusspunkt des Auftritts.

Auf derselben Bühne brachten sich nun Florence + The Machine in Position, die mit einem soliden Best Of-Set für gute Laune sorgten und aktiv den Kontakt mit den Zuschauern suchten. Ein Plan, der aufging. Dennoch: Die Neugierde war zu groß, was die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten M83 auf der Red Stage zu bieten haben. Deren Auftritt wurde durch die Absage von City and Colour auf 20 Uhr vorverlegt, begann im Endeffekt aber bereits um 19:55 Uhr. Im Festivalprogramm als Shoegazer angekündigt, war dies ein eher falscher Teaser für die Band. Sicherlich waren irgendwo in der Musik noch Shoegazer- und DreamPop-Wurzeln, aber vielmehr zeigte sich an dieser Einstufung, dass Shoegazing längst ein Modewort geworden ist für viel Musik, die mitunter mit dem ursprünglichen Shoegazing wenig zu tun hat. Das jedoch nur am Rande und damit zurück zur Show. Die war schließlich hervorragend! Indie-Rock-Klänge mit Elektro-Einfluss, manchmal gar mit echten Bläsern auf der Bühne, was einen hohen Party-Anteil aufwies. Tatsächlich: M83 feierten in ihrem kurzweiligen Auftritt mit dem sich beständig größer werdenden Publikum eine riesige Party, die auch wieder diese besagten besonderen Festival-Momente bot. Wann erlebt man schon mal, dass die Graben-Security – berufsbedingt stets mit dem Rücken zur Bühne – plötzlich das Publikum zum Mitklatschen animieren? Oder gar mit Wasserpistolen in die Menge spritzen? Eben! Ein denkwürdiger Auftritt und eine der großen Überraschungen des Wochenendes.

Auch weiterhin ließ der Zeitplan keine Lücken zu... Daher gleich wieder zur Blue Stage zurück: Noel Gallagher’s High Flying Birds spielten schließlich auf. Im Gegensatz zu Liam spielt Noel auch noch Oasis-Stücke, was er gleich zu Beginn mit (It’s Good) To Be Free zeigte. So war das Set dann eine gute Mischung aus Oasis-Nummern und Solo-Stücken. Everybody’s On The Run und Dream On zum Beispiel zeigten gut, welche Stärken der ältere der beiden Gallaghers auch solo hat. Mal hymnisch, mal trotzig stampfend, immer voll bei der Sache, so präsentierte sich Noel Gallagher. Was dabei überraschte: Er war richtig zahm. Auf die Musik wirkte sich das natürlich nicht aus, aber man hatte hier tatsächlich den Eindruck, Noel Gallagher sei der freundliche Musiker von nebenan, mit dem man sich auch gerne mal auf einen Kaffee trifft. Die Sympathien des Publikums waren ihm so oder so sicher, sodass jedes Stück in frenetischem Applaus mündete. Ein Highlight war dabei unter anderem seine Parade-Ballade Talk Tonight, die ja im Grunde auch bei Oasis schon eher ein Solo-Stück von Noel war. Auch dieses ruhige Stück konnte die Zuschauer begeistern. Weiterhin ruhig bis rockig, zwischen Oasis und High Flying Birds, spielte sich Noel Gallagher hin zum großen Finale, das er nach Little By Little mit Don’t Look Back In Anger bot. Da reicht es auch, wenn er nur den halben Text singt, denn diese generationen-übergreifende Hymne konnte hier jeder mitsingen. Gänsehäute, sich in den Armen liegende Menschen, große Euphorie – ein grandioser Schluss. Alles richtig gemacht, Herr Gallagher! Und dabei ein definitives Highlight des Hurricane Festivals 2012 geboten.

Es folgte eine längere Umbau-Pause, die sich beispielsweise gut mit den Hardcore- und Punk-Klängen von Rise Against auf der Green Stage überbrücken ließ, die hier das Publikum voll im Griff hatten. Auf der Blue Stage ging es dann erst um 22:30 Uhr weiter, mit einer Band, die auf den ersten Blick überraschend diesen späten Slot innehatte: Mumford & Sons waren zu sehen. Lange ließen sie sich trotz Verletzung des Frontmanns auch nicht bitten, sondern spielten gleich an zweiter Stelle mit Little Lion’s Man einen ihrer großen Hits und traten den lebenden Beweis an, dass man auch mit Folk-Klängen eine Bühne wie die des Hurricane Festivals zu später Stunde bespielen kann und damit das Publikum in Verzückung versetzen. Mit Rock-Einfluss und Spielfreude, häufig auch mit Streichern, präsentierten sie ein gelungenes Set, das mal minimalistisch und mal mit den ganz großen Gesten begegnete und es auch schaffte, gegen Blink-182 auf der Green Stage zu bestehen. Ein überraschend guter Auftritt, der auch die späte Spielzeit durch und durch rechtfertigen konnte.

Während Blink-182 auf der Green Stage einen Auftritt hinlegten, wie man ihn von der Band gewohnt ist, eben punkig und mit viel Spaß an der Sache, waren um 00:30 Uhr auf der Blue Stage Justice an der Reihe, die vor allem eines wollten: Die Menschen zum Tanzen zu bewegen. Aber da war eben noch etwas: Garbage als heiß ersehnte Band spielten auf der Red Stage. Ob es nun an der Haarfarbe der Sängerin liegt, dass sie auf der Red Stage spielten, kann man nur vermuten, aber man kann feststellen: Die Bühnenplanung war an dieser Stelle – ähnlich wie am Vortag bei Casper – nicht ganz so optimal, denn es waren dann doch mehr als zwei bis drei Leute, die Garbage sehen wollten. Um 01:00 Uhr eröffneten sie mit Automatic Systematic Habit zunächst mal mit dem Opener des aktuellen Albums Not Your Kind Of People, zollten danach aber schnell der Tatsache Tribut, dass die Fans eben auch die großen Hits hören möchten. Wie zum Beispiel das gleich darauf folgende I Think I’m Paranoid. Zwar wurde immer mal eines der neuen Stücke eingewoben, aber im Mittelpunkt standen Klassiker wie Stupid Girl, Vow, Queer und wie sie alle heißen. Natürlich sehr zur Freude des Publikums. Zum Abschluss spielte die Band um Shirley Manson dann mit Only Happy When It Rains ihren vielleicht größten Hit und ließ auch am zweiten Festival-Tag ein zufriedenes Publikum zurück.

Sonntag, den 24.06.2012:


Ein Blick aus dem Fenster am frühen Sonntagmorgen und es kommt der Gedanke: Verflucht sei Shirley Manson. Musste das sein mit Only Happy When It Rains als Schlussnummer des gestrigen Garbage-Sets? Naja, vermutlich war dann doch eher der Wettergott schuld an dem Schlamassel. Oder einige der Festivalbesucher haben schlichtweg am Vortag nicht aufgegessen... Aber da es ja bekanntlich sowieso nicht das falsche Wetter, sondern nur die falsche Kleidung gibt: Ein weiteres Mal in den Wagen geschwungen und nach Scheeßel gereist, einen Parkplatz auf Matschrisiko-befreitem Boden gesucht und es ging wieder los. Hurricane Festival 2012, Tag 3!

Wie schon die beiden vorigen Tage: Es begann erneut an der Blue Stage. Zu früher Stunde, genauer gesagt um 13:25 Uhr, spielte bereits Selah Sue, die bei den niederländischen und belgischen Nachbarn auf Platz 2 und Platz 1 charten konnte, hierzulande aber noch nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die ihr zusteht. Dass sie was kann, zeigte sie in Scheeßel deutlich. Ihre vor allem Soul-geprägte Musik mit funkigen Einflüssen und Reggae-Elementen funktionierte auch im Scheeßeler Dauerregen gut. Stücke wie das melodisch-trotzende Raggamuffin oder auch Crazy Vibes als tanzbare Soul-Nummer sorgten für einen kurzweiligen Auftritt, bei dem sich die junge Belgierin sicherlich auch einige neue Hörer erspielt haben dürfte.

Kommen wir nun zur Verleihung der Goldmedaille in der Disziplin „Abgefahrenheit“. Hierfür kann es an diesem Wochenende nur einen Gewinner geben, der allerdings ab 14:15 Uhr auf der Red Stage zu beschäftigt war, um diesen Preis persönlich entgegenzunehmen: Die Antwoord. Ninja, ¥o-Landi Vi$$er und DJ Hi-Tek aus Kapstadt spielten einen Auftritt, der HipHop-Persiflage und grandiose HipHop-Show in einem bot. Und sie feierten hier eine riesige Party. Zu knackigen Beats, großer Bühnenshow mit viel Bewegung, Kostümwechseln und ¥o-Landis Schlumpfstimme hatte man keine andere Möglichkeit, als begeistert mitzugehen bei Stücken mit Titeln wie Fatty Boom Boom oder Wat Kyk Jy. Eines von vielen Highlights auch: Ihre Enya-„Coverversion“ zu Sail Away, ergänzt um pointierte Raps und die Antwoord-typische Ironie. Zum Schluss dann mit I Fink U Freeky die wohl bekannteste Nummer des Trios. Mögen vorher noch Fragen offen gewesen sein, so wusste man spätestens jetzt: Hier ist Die Antwoord! Ein hervorragender Auftritt im strömenden Mittagsregen.

Schon ging es mal wieder rüber zur Blue Stage, um zu begutachten, was Frank Turner & The Sleeping Souls dort so treiben. Und das konnte sich gut sehen und hören lassen: Seine folkig-inspirierten Singer-Songwriter-Klänge funktionierten auch mit Band hervorragend. Peggy and the Blues zum Beispiel ging nicht nur unter die Haut, sondern versetzte das Publikum in seinen verschiedensten und teils in höchstem Maße kreativen Regenoutfits ordentlich in Bewegung. Dass er auch zünftig rocken kann, bewies die Rock-Version von Long Live The Queen. Trotz des hohen Tempos und der Tatsache, dass Frank Turner sich gelegentlich die Seele aus dem Leib schrie, blieb das Feeling des Stücks erhalten und war einer der Höhepunkte des kurzweiligen Sets. Frank Turner zeigte sich erneut als einer dieser Musiker, mit dem man bei einem Festival kaum etwas verkehrt machen kann. In diesem Sinne: „Netter Kontakt, gerne wieder! Aber bitte bei trockenerem Wetter.“

Fiel es schon Freitag und Samstag auf, so musste man sich am Sonntag dann endgültig eingestehen: Manche Bühnenplanungen sind einfach alles andere als optimal, manche gar völlig fehl am Platz. Auch wenn die Red Stage in diesem Jahr kein Zelt mehr ist: Kraftklub hätten mit ihrer großen Anhängerschaft auch locker die Green Stage ausgefüllt. Stattdessen standen die Menschen bis in die Händlermeile hinein, weil die Kapazität der Red Stage mehr als gesprengt war. Der Party tat dies keinen Abbruch, nur dass eben nicht alle teilnehmen konnten. Die Stücke von Mit K sorgten für kollektive Party-Stimmung, die das Wetter völlig vergessen ließ. Die Berlin-Persiflage Ich will nicht nach Berlin überzeugte da genauso wie Songs für Liam mit seinem immens hohen Tempo. Aber auch die Stücke, die bisher nicht als Single ausgekoppelt wurden, schienen dem Publikum weitestgehend bekannt gewesen zu sein. Kein Wunder, ist es doch schließlich ein Nummer 1-Album. Im Endeffekt ein sehr guter Auftritt einer Band, die genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, hier jedoch leider auf die falsche Bühne gelegt wurde.

Auf der Red Stage geblieben, folgte dann Kontrastprogramm. Die beiden jungen Damen von Boy waren an der Reihe. Die Kombination aus Regen, Boy und großer Festival-Bühne ist zwar nicht gescheitert, aber mit ihren teils intimen Klängen konnten Boy nicht auf ganzer Linie überzeugen. Dabei war ihr Auftritt keineswegs schlecht. Sonja Glass und Valeska Steiner haben ihren ur-eigenen Charme, eine versierte Band im Gepäck und wirklich hochkarätige Songs, die sie hier ebenso gekonnt wie gut gelaunt präsentierten. Gerade treibendere Nummern wie Little Numbers konnten das Publikum für sich einnehmen. Das einzige, was diesem Auftritt schlussendlich fehlte, war das gewisse Etwas, das die Stimmung auf den richtigen Pegel brachte. Aber es sind schließlich auch die ersten Festival-Auftritte, die Boy derzeit spielen. Da ist noch viel Luft nach oben!

Schnell mal rüber zur Green Stage, um ein großes Comeback zu feiern... Nein, Kettcar haben natürlich nicht pausiert. Die Sonne aber, die sich nun auf einmal zeigte, hingegen schon. So trafen Kettcar und das Sonnen-Comeback zusammen, um gemeinsam einen schönen Auftritt zu zelebrieren, bei dem die Mannen um Marcus Wiebusch die Variante „Nummer Sicher“ wählten: Ein Hit-lastiges Best Of-Set. Keine schlechte Idee, wie die Publikumsreaktionen belegten. Zum Beispiel gleich an zweiter Stelle Deiche, das druckvoll nach vorne ging und das Kettcar-typische Feeling verbreitete. Oder auch 48 Stunden, das in etwas ruhigerer Manier ebenso erfreut vom dankbaren Publikum angenommen wurde. So spielten sie sich durch das Repertoire ihrer inzwischen auch schon langen Laufbahn bis hin zum Evergreen und Klassiker Landungsbrücken raus. Ganz Schluss sollte damit dann aber noch nicht sein: Marcus und Lars Wiebusch beendeten das Set in Duo-Besetzung mit Balu und rundeten balladesk einen sehr gelungenen Auftritt ab.

19:15 Uhr, die Trockenheit hat nicht wirklich angehalten, und es geht mal wieder rüber zur – trotz der einen oder anderen Überfüllung – liebgewonnenen Blue Stage, um dem Auftritt von Katzenjammer beizuwohnen. Zwar waren auch Katzenjammer zu beschäftigt, um die Silbermedaille in der Disziplin „Abgefahrenheit“ persönlich entgegenzunehmen, aber auch sie boten einen gelungenen und abgefahrenen Auftritt. Die vier norwegischen Multi-Instrumentalistinnen, die hier mit zweistelliger Instrumentenzahl angereist waren (neben den üblichen Rock-Instrumenten auch Akkordeon, Geige, Mundharmonika, Banjo, Ukulele, Glockenspiel und viele weitere), sorgten auf ganzer Länge für eine hervorragende Laune und erzeugten eine atmosphärische Mischung aus Jahrmarkt, Hafenkneipe, Rockabilly-Club, Polka-Session und mehr. Was dabei auch nicht fehlen durfte: Ihre charmant-eigenwillige Genesis-Coverversion zu Land of Confusion. Ein Cover, das sich im Mittelteil der Show gut ins gesamte Set einfügte, bevor man nach Nummern wie A Bar in Amsterdam und Der Kapitän mit Ain’t No Thang den Auftritt beendete. Schade, denn da hätte man gerne noch länger zugesehen und zugehört.

Bevor man sich bei den Headlinern entscheiden musste, wo man hinwill, lohnte sich noch ein Besuch auf der Red Stage, wo die australischen Durchstarter von The Temper Trap einen gefühl- und druckvollen Auftritt hinlegten. Man merkte, dass die Herzschmerz-getränkten Stücke der aktuellen selbstbetiteln Platte durch das Ende der Beziehung von Sänger Dougy Mandagi stark beeinflusst sind, aber wie wir alle wissen: Für große Musik ist das oft die beste Inspiration. So stark der vorige Schmerz, so groß die hinterher entstehende Begeisterung bei den Zuschauern. Man möchte meinen, der Regen hätte hier sogar gepasst – sofern man bei einem Open Air überhaupt das Wort „passend“ mit Regen in Verbindung bringen möchte.

Während vorwiegend die jüngeren Besucher nun zur Green Stage pilgerten, um Die Ärzte zu sehen, die auf Festivals eigentlich immer eine sichere Sache sind, entschieden sich vorwiegend diejenigen, die schon ein wenig länger dabei sind, zum Abschluss noch einmal zur Blue Stage, um einem der seltenen Deutschland-Auftritte von New Order beizuwohnen. Wie schon am Freitag die Sportfreunde Stiller ihre Auftrittszeit aufgrund des parallel stattfinden Fußballspiels verflucht haben dürften, ging es Bernard Sumner vermutlich ähnlich: Er „durfte“ parallel zum Spiel der Engländer gegen Italien auf die Bühne. Dennoch ging er konzentriert zur Sache und spielte mit seiner Band nicht nur ein Best Of-Set, sondern wob auch ein bisschen Joy Division mit in den Auftritt ein. So zum Beispiel nach Ceremony, als sie Isolation spielten. Was hierauf folgte, waren dann die großen Hits, vom Publikum dankend angenommen. Bizarre Love Triangle, True Faith, Blue Monday – das Programm, wie man es sich erwünscht hat und glücklicherweise auch bekam. Der Abschluss dann noch einmal ein großer Moment für die Musikhistoriker: Love Will Tear Us Apart! Kann man den Abschluss besser begehen? Nicht nur ein gelungener Abschluss für New Order, sondern auch ein gelungener Abschluss des Hurricane Festivals 2012.

Zeit, glückselig nach Hause zu fahren, zu trocknen, die versaute Kleidung zu waschen und in Erinnerungen an ein schönes Wochenende in Scheeßel zu schwelgen. Die nächste Runde findet dann vom 21. bis 23.06.2013 statt.

Wir haben für euch Galerien mit Bildern der einzelnen Festivaltage zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Galerie Hurricane Festival Tag 1 (Freitag, den 22.06.2012)

Galerie Hurricane Festival Tag 2 (Samstag, den 23.06.2012)

Galerie Hurricane Festival Tag 3 (Sonntag den 24.06.2012)


Autor: Marius Meyer
Fotos: Michael Gamon