Sonntag, 21. Dezember 2014
Pluswelt Festival X - Köln, Essigfabrik (05.02.2011) PDF Drucken E-Mail

Bereits zum zehnten Male fand das Pluswelt-Festival Anfang Februar in NRW statt und erstmals ging es in die Partyhochburg Köln, wo die Essigfabrik im Stadtteil Deutz als Herberge für die neuerliche Ausgabe des Electro-Crossover-Festivals diente.

Die große Halle der Essigfabrik ist noch recht spärlich bevölkert als mit Centhron [GALLERY] die erste Band des Abends das Pluswelt Festival eröffnet. Vielleicht ahnten viele schon was sie erwartet, denn die beiden Herren und ihre weibliche Mitstreiterin lassen insbesondere Cyberherzen höher schlagen und von deren Wirten hatten sich dann auch einige eingefunden; alle anderen hielten aber noch einen gewissen Sicherheitsabstand zur Bühne. Böse verzerrte Texte zu monoton stampfenden Beats waren jetzt Trumpf. Sänger Elmar setzte sich zwischenzeitlich eine Art Gasmaske auf und damit war's auch noch nicht genug der Feindflugparallelen, mit denen sie auch schon einmal auf Tour waren: Auch die verwendeten Samples und die ein oder andere Songthematik hätten aus der Feindflug Schmiede sein können. Auch vom im April erscheinenden neuen Album gab es Basslastiges zu hören, was für einiges Zucken in den Beinen und Armen ihrer Anhänger sorgte. Amüsant hingegen, dass der Saitenzupfer headbangend sein Gerät beackerte, ohne dass das Instrument wirklich hörbar gewesen wäre. Beim letzten Song "Eisenfresse" wummerten die Bässe hingegen so laut und schnell, dass man schon Angst um das eigene Geschmackszentrum haben musste.


"EBM für die Mittelschicht" stand als nächstes auf dem Programm. Das äußerte sich zunächst mal darin, dass die beiden Hamburger Maschinisten Matthias und Holger von Blitzmaschine [GALLERY] Hemden und Anzüge trugen und eigentlich so gar nicht in das EBM-Klischee hineinpassten. Passender scheint es da schon, dass sie sich geschäftlich auf dem Finanzmarkt kennenlernten und später beschlossen, gemeinsame musikalische Interessen in ein neues Projekt einfließen zu lassen. Musikalisch ging es verhalten mit ruhigen, an DAF erinnernden Sounds los, bevor beim zweiten Song "Useless Pain" stark an die schwedischen Spetsnaz erinnert wurde und hier durfte dann auch getanzt bzw. auf und ab marschiert werden. Einen Tag zuvor erschien die erste Single „Liebe Auf Den Ersten Blick“, das Album „Faustrecht“ erscheint dann am 11.3.2011. Und die beiden konnten auch live durchaus überzeugen, bedienten sich im breiten EBM-Feld und auch wenn sie dem Genre sicher wenig Neues beisteuern können, war das ordentlich. Als letzten Track zelebrierten die beiden noch einen Szenehit aus Holgers Vergangenheit: "Blute Jetzt", seinerzeit veröffentlicht von seinem Projekt Collapsed System. Der Song war vielen im Publikum scheinbar bekannt und entsprechend wurde der Platz vor der Bühne kurzerhand in eine Tanzfläche verwandelt und somit stellte der Auftritt der beiden ein erstes „Hallo“ beim Pluswelt Festival dar.



Wegen technischer Probleme, der Beamer war trotz aller Bemühungen nicht zu einer Kooperation zu bewegen, begann der Auftritt von Vomito Negro [GALLERY] einige Minuten verspätet und dann entsprechend auch ohne die sonst übliche stimmige Videountermalung. Kurzerhand kündigte man eine Rock'n'Roll Show an, was musikalisch natürlich nicht wirklich zutraf, denn die Musik der Belgier ist durchweg elektronisch. Nach einem langen Intro nahm der Gig mehr und mehr Fahrt auf und „Slave Nation“ von der aktuellen gleichnamigen EP war dann auch bereits ein erstes Highlight einer durchweg guten Show. Ohne Videos und großes Bühnenlicht war man noch mehr auf die Musik fixiert, was dem Spaß keinen Abbruch tat. Auch beim stampfenden „Black Power“ wurde sich im Publikum ordentlich bewegt. Vermutlich bedeuteten Vomito Negro für viele der anwesenden Combichrist-Fans Neuland und so schien es, als teile sich die Halle quasi in zwei Teile: Vorne die, die sich zu Songs wie „No Hope No Fear“ im Rhythmus bewegten und weiter hinten diejenigen, die ihre Bekannten mit Informationen via SMS versorgten oder mobil im Internet surften. Leider endete der Auftritt von Vomito Negro pünktlich und war daher wegen der verspäteten Anfangszeit verhältnismäßig kurz, überzeugt waren wir aber trotzdem.


Krasser hätte der Übergang zur nachfolgenden Band dann allerdings kaum sein können. Bei den Norwegern von Mortiis [GALLERY] schallten einem von allen Seiten harte, sägende Gitarren entgegen, die von Sänger Håvard „Mortiis“ Ellefsen in bester Shoutermanier ergänzt wurden. Erinnerungen an Konzerte von Ministry wurden wach, allerdings verzichten Mortiis live weitestgehend auf Industrialzutaten und konzentrieren sich zur Band gewachsen fast durchweg auf die Rockkomponente der Amerikaner. Ihr Sound stach somit komplett aus dem heutigen, sonst eher elektronischen Programm heraus, weshalb viele im Publikum es scheinbar als willkommene Abwechslung ansahen, während andere sich nur verschreckt oder Unverständnis bezeugend umsahen. Die Lautstärke in der Halle tat dazu ihr Übriges, denn sie war mittlerweile auf einem enorm hohen Pegel angelangt.


Mit einiger Verspätung enterten gegen 23 Uhr die von den meisten Anwesenden herbeigesehnten Headliner Combichrist [GALLERY] die Bühne. Nach dem Standardintro "Dust And Bones" nahmen die vier ihre Plätze ein und gaben alles. Und das Publikum feierte sofort mit, riss die Arme nach oben, tanzte, hüpfte und schrie aus voller Brust die Hits der Vergangenheit und Gegenwart mit. Die Songs vom aktuellen Album „Making Monsters“ kamen gut an, aber vor allem die energiegeladenen Hits wie „Electrohead“ oder „Today I Woke To The Rain Of Blood“ versetzten die Fans in Ekstase. Und wie man schon an den wohl hunderten Combichrist-Shirts im Publikum erahnen konnte, waren heute wohl wirklich fast alle wegen des Mainacts vor Ort und so verwandelte sich die Essigfabrik nun in eine große Partybühne. Geschickt wechselten sich die oft schleppenden Soundmonster der aktuellen Scheibe mit weiteren Gassenhauern a la „Get Your Body Beat“ ab und sorgten für die notwendige Abwechslung. Auch „Blut Royale“ war natürlich ein Partygarant erster Güte und der sichtlich schlanker gewordene Andy LaPlegua hatte seine Jünger längst da wo er sie haben wollte. Sie schrien mit und tanzten als ginge es um ihr Leben. „Never Surrender“ beendete den Mainset mit Vollgas und Energie pur. Doch natürlich wollte das Publikum mehr und genau das sollte es auch bekommen. Zunächst beteuerte man „Fuck That Shit“ und verkroch sich noch ein weiteres Mal hinter die Bühne um kurz darauf fürs große Finale zurückzukehren. Als erstes bekam der mittlerweile fast kahl geschorene z_marr dank Andys freundlichem Aufruf ein etwas verhaltenes Geburtstagsständchen vom Publikum, bevor die Show bei „What The Fuck Is Wrong With You People“ mit einer Lightversion der sonst legendären Zerstörungszeremonie endete. Es war mal wieder wirklich beachtlich, was für eine Stimmung die Band um Frontmann Andy LaPlegua erzeugen kann. Man kann die eingesetzten Livedrums gar nicht oft genug hervorheben und loben, so muss härtere aktuelle Electromusik live klingen!


Setlist:
01. Just Like Me
02. Follow The Trail Of Blood
03. Today I Woke To The Rain Of Blood
04. Electrohead
05. Throat Full Of Glass
06. Get Your Body Beat
07. Deathbed
08. Slave To Machine
09. Fuckmachine
10. Blut Royale
11. They
12. Never Surrender
13. Fuck That Shit (Z)
14. What The Fuck Is Wrong With You People (ZZ)

Es war ein Festival mit Höhen und Tiefen und einem doch etwas zerfahren zusammengestellten Programm. Highlights für mich waren die Auftritte von Combichrist und Vomito Negro. Die Performance von Blitzmaschine war solide, Mortiis leider etwas fehl am Platz wenn auch nicht schlecht. Centhron fielen hingegen eher in die Kategorie nervend, was den Gesamteindruck aber nicht mindert. Hoffentlich präsentiert sich das sicher stattfindende elfte Pluswelt Festival wieder stilistisch etwas homogener, auch wenn das Zehnte durchaus so seinen Reiz hatte. Wir werden es verfolgen und sicher auch beim nächsten Mal wieder dabei sein!

Die kompletten Fotosets der aufgetretenen Bands können durch Anklicken der entsprechenden Fotos oder GALLERY-Links erreicht werden.


Autor: Michael Gamon
Fotos: Michael Gamon & Roger Op Den Camp