Mittwoch, 22. Mai 2013
HURRICANE FESTIVAL 2012 Tag 3 - Scheeßel, Eichenring (24.06.2012) PDF Drucken E-Mail


Ein Blick aus dem Fenster am frühen Sonntagmorgen und es kommt der Gedanke: Verflucht sei Shirley Manson. Musste das sein mit Only Happy When It Rains als Schlussnummer des gestrigen Garbage-Sets? Naja, vermutlich war dann doch eher der Wettergott schuld an dem Schlamassel. Oder einige der Festivalbesucher haben schlichtweg am Vortag nicht aufgegessen... Aber da es ja bekanntlich sowieso nicht das falsche Wetter, sondern nur die falsche Kleidung gibt: Ein weiteres Mal in den Wagen geschwungen und nach Scheeßel gereist, einen Parkplatz auf Matschrisiko-befreitem Boden gesucht und es ging wieder los. Hurricane Festival 2012, Tag 3!

Wie schon die beiden vorigen Tage: Es begann erneut an der Blue Stage. Zu früher Stunde, genauer gesagt um 13:25 Uhr, spielte bereits Selah Sue, die bei den niederländischen und belgischen Nachbarn auf Platz 2 und Platz 1 charten konnte, hierzulande aber noch nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die ihr zusteht. Dass sie was kann, zeigte sie in Scheeßel deutlich. Ihre vor allem Soul-geprägte Musik mit funkigen Einflüssen und Reggae-Elementen funktionierte auch im Scheeßeler Dauerregen gut. Stücke wie das melodisch-trotzende Raggamuffin oder auch Crazy Vibes als tanzbare Soul-Nummer sorgten für einen kurzweiligen Auftritt, bei dem sich die junge Belgierin sicherlich auch einige neue Hörer erspielt haben dürfte.

Kommen wir nun zur Verleihung der Goldmedaille in der Disziplin „Abgefahrenheit“. Hierfür kann es an diesem Wochenende nur einen Gewinner geben, der allerdings ab 14:15 Uhr auf der Red Stage zu beschäftigt war, um diesen Preis persönlich entgegenzunehmen: Die Antwoord. Ninja, ¥o-Landi Vi$$er und DJ Hi-Tek aus Kapstadt spielten einen Auftritt, der HipHop-Persiflage und grandiose HipHop-Show in einem bot. Und sie feierten hier eine riesige Party. Zu knackigen Beats, großer Bühnenshow mit viel Bewegung, Kostümwechseln und ¥o-Landis Schlumpfstimme hatte man keine andere Möglichkeit, als begeistert mitzugehen bei Stücken mit Titeln wie Fatty Boom Boom oder Wat Kyk Jy. Eines von vielen Highlights auch: Ihre Enya-„Coverversion“ zu Sail Away, ergänzt um pointierte Raps und die Antwoord-typische Ironie. Zum Schluss dann mit I Fink U Freeky die wohl bekannteste Nummer des Trios. Mögen vorher noch Fragen offen gewesen sein, so wusste man spätestens jetzt: Hier ist Die Antwoord! Ein hervorragender Auftritt im strömenden Mittagsregen.

Schon ging es mal wieder rüber zur Blue Stage, um zu begutachten, was Frank Turner & The Sleeping Souls dort so treiben. Und das konnte sich gut sehen und hören lassen: Seine folkig-inspirierten Singer-Songwriter-Klänge funktionierten auch mit Band hervorragend. Peggy and the Blues zum Beispiel ging nicht nur unter die Haut, sondern versetzte das Publikum in seinen verschiedensten und teils in höchstem Maße kreativen Regenoutfits ordentlich in Bewegung. Dass er auch zünftig rocken kann, bewies die Rock-Version von Long Live The Queen. Trotz des hohen Tempos und der Tatsache, dass Frank Turner sich gelegentlich die Seele aus dem Leib schrie, blieb das Feeling des Stücks erhalten und war einer der Höhepunkte des kurzweiligen Sets. Frank Turner zeigte sich erneut als einer dieser Musiker, mit dem man bei einem Festival kaum etwas verkehrt machen kann. In diesem Sinne: „Netter Kontakt, gerne wieder! Aber bitte bei trockenerem Wetter.“

Fiel es schon Freitag und Samstag auf, so musste man sich am Sonntag dann endgültig eingestehen: Manche Bühnenplanungen sind einfach alles andere als optimal, manche gar völlig fehl am Platz. Auch wenn die Red Stage in diesem Jahr kein Zelt mehr ist: Kraftklub hätten mit ihrer großen Anhängerschaft auch locker die Green Stage ausgefüllt. Stattdessen standen die Menschen bis in die Händlermeile hinein, weil die Kapazität der Red Stage mehr als gesprengt war. Der Party tat dies keinen Abbruch, nur dass eben nicht alle teilnehmen konnten. Die Stücke von Mit K sorgten für kollektive Party-Stimmung, die das Wetter völlig vergessen ließ. Die Berlin-Persiflage Ich will nicht nach Berlin überzeugte da genauso wie Songs für Liam mit seinem immens hohen Tempo. Aber auch die Stücke, die bisher nicht als Single ausgekoppelt wurden, schienen dem Publikum weitestgehend bekannt gewesen zu sein. Kein Wunder, ist es doch schließlich ein Nummer 1-Album. Im Endeffekt ein sehr guter Auftritt einer Band, die genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, hier jedoch leider auf die falsche Bühne gelegt wurde.

Auf der Red Stage geblieben, folgte dann Kontrastprogramm. Die beiden jungen Damen von Boy waren an der Reihe. Die Kombination aus Regen, Boy und großer Festival-Bühne ist zwar nicht gescheitert, aber mit ihren teils intimen Klängen konnten Boy nicht auf ganzer Linie überzeugen. Dabei war ihr Auftritt keineswegs schlecht. Sonja Glass und Valeska Steiner haben ihren ur-eigenen Charme, eine versierte Band im Gepäck und wirklich hochkarätige Songs, die sie hier ebenso gekonnt wie gut gelaunt präsentierten. Gerade treibendere Nummern wie Little Numbers konnten das Publikum für sich einnehmen. Das einzige, was diesem Auftritt schlussendlich fehlte, war das gewisse Etwas, das die Stimmung auf den richtigen Pegel brachte. Aber es sind schließlich auch die ersten Festival-Auftritte, die Boy derzeit spielen. Da ist noch viel Luft nach oben!

Schnell mal rüber zur Green Stage, um ein großes Comeback zu feiern... Nein, Kettcar haben natürlich nicht pausiert. Die Sonne aber, die sich nun auf einmal zeigte, hingegen schon. So trafen Kettcar und das Sonnen-Comeback zusammen, um gemeinsam einen schönen Auftritt zu zelebrieren, bei dem die Mannen um Marcus Wiebusch die Variante „Nummer Sicher“ wählten: Ein Hit-lastiges Best Of-Set. Keine schlechte Idee, wie die Publikumsreaktionen belegten. Zum Beispiel gleich an zweiter Stelle Deiche, das druckvoll nach vorne ging und das Kettcar-typische Feeling verbreitete. Oder auch 48 Stunden, das in etwas ruhigerer Manier ebenso erfreut vom dankbaren Publikum angenommen wurde. So spielten sie sich durch das Repertoire ihrer inzwischen auch schon langen Laufbahn bis hin zum Evergreen und Klassiker Landungsbrücken raus. Ganz Schluss sollte damit dann aber noch nicht sein: Marcus und Lars Wiebusch beendeten das Set in Duo-Besetzung mit Balu und rundeten balladesk einen sehr gelungenen Auftritt ab.

19:15 Uhr, die Trockenheit hat nicht wirklich angehalten, und es geht mal wieder rüber zur – trotz der einen oder anderen Überfüllung – liebgewonnenen Blue Stage, um dem Auftritt von Katzenjammer beizuwohnen. Zwar waren auch Katzenjammer zu beschäftigt, um die Silbermedaille in der Disziplin „Abgefahrenheit“ persönlich entgegenzunehmen, aber auch sie boten einen gelungenen und abgefahrenen Auftritt. Die vier norwegischen Multi-Instrumentalistinnen, die hier mit zweistelliger Instrumentenzahl angereist waren (neben den üblichen Rock-Instrumenten auch Akkordeon, Geige, Mundharmonika, Banjo, Ukulele, Glockenspiel und viele weitere), sorgten auf ganzer Länge für eine hervorragende Laune und erzeugten eine atmosphärische Mischung aus Jahrmarkt, Hafenkneipe, Rockabilly-Club, Polka-Session und mehr. Was dabei auch nicht fehlen durfte: Ihre charmant-eigenwillige Genesis-Coverversion zu Land of Confusion. Ein Cover, das sich im Mittelteil der Show gut ins gesamte Set einfügte, bevor man nach Nummern wie A Bar in Amsterdam und Der Kapitän mit Ain’t No Thang den Auftritt beendete. Schade, denn da hätte man gerne noch länger zugesehen und zugehört.

Bevor man sich bei den Headlinern entscheiden musste, wo man hinwill, lohnte sich noch ein Besuch auf der Red Stage, wo die australischen Durchstarter von The Temper Trap einen gefühl- und druckvollen Auftritt hinlegten. Man merkte, dass die Herzschmerz-getränkten Stücke der aktuellen selbstbetiteln Platte durch das Ende der Beziehung von Sänger Dougy Mandagi stark beeinflusst sind, aber wie wir alle wissen: Für große Musik ist das oft die beste Inspiration. So stark der vorige Schmerz, so groß die hinterher entstehende Begeisterung bei den Zuschauern. Man möchte meinen, der Regen hätte hier sogar gepasst – sofern man bei einem Open Air überhaupt das Wort „passend“ mit Regen in Verbindung bringen möchte.

Während vorwiegend die jüngeren Besucher nun zur Green Stage pilgerten, um Die Ärzte zu sehen, die auf Festivals eigentlich immer eine sichere Sache sind, entschieden sich vorwiegend diejenigen, die schon ein wenig länger dabei sind, zum Abschluss noch einmal zur Blue Stage, um einem der seltenen Deutschland-Auftritte von New Order beizuwohnen. Wie schon am Freitag die Sportfreunde Stiller ihre Auftrittszeit aufgrund des parallel stattfinden Fußballspiels verflucht haben dürften, ging es Bernard Sumner vermutlich ähnlich: Er „durfte“ parallel zum Spiel der Engländer gegen Italien auf die Bühne. Dennoch ging er konzentriert zur Sache und spielte mit seiner Band nicht nur ein Best Of-Set, sondern wob auch ein bisschen Joy Division mit in den Auftritt ein. So zum Beispiel nach Ceremony, als sie Isolation spielten. Was hierauf folgte, waren dann die großen Hits, vom Publikum dankend angenommen. Bizarre Love Triangle, True Faith, Blue Monday – das Programm, wie man es sich erwünscht hat und glücklicherweise auch bekam. Der Abschluss dann noch einmal ein großer Moment für die Musikhistoriker: Love Will Tear Us Apart! Kann man den Abschluss besser begehen? Nicht nur ein gelungener Abschluss für New Order, sondern auch ein gelungener Abschluss des Hurricane Festivals 2012.

Zeit, glückselig nach Hause zu fahren, zu trocknen, die versaute Kleidung zu waschen und in Erinnerungen an ein schönes Wochenende in Scheeßel zu schwelgen. Die nächste Runde findet dann vom 21. bis 23.06.2013 statt.

Wir haben für euch schon einmal eine Galerie mit Bildern des dritten Tages zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Galerie Hurricane Festival Tag 3 (Sonntag den 24.06.2012)


Autor: Marius Meyer
Fotos: Michael Gamon