Dienstag, 21. Mai 2013
HURRICANE FESTIVAL 2012 Tag 2 - Scheeßel, Eichenring (23.06.2012) PDF Drucken E-Mail


Es war Samstag, es war Tag 2 des Hurricane Festivals 2012 und die Sonne zeigte sich direkt am Morgen erneut. Man kann Robert Smith also dankbar sein, dass er am Vorabend bei seinem grandiosen Konzert darauf verzichtete, mit seiner Band Prayers for Rain zu spielen. Frische Dusche, frischer Kaffee, frisches Frühstück und frühzeitig frisch ins Auto, um ein zweites Mal den Weg von Hamburg nach Scheeßel anzutreten. Nach erfolgreicher Parkplatzsuche ein kurzer Fußmarsch zum Gelände... Und ab dafür!

Die Uhr sagt 14:00 Uhr, der Zeitplan für die Green Stage sagt: 14:05 Uhr spielen Band of Skulls. Also mal munter geschaut, was die Band auf der Bühne so kann. Vor einer gerade in Anbetracht der Uhrzeit ansehnlichen Zuschauermenge spielte das Trio ansprechenden Indie-Rock mit Ecken und Kanten, die maßgeblich für den spröden Charme der Sounds der Band verantwortlich sind. Die Songs können dennoch mitreißen, lassen Gitarrenwänd entstehen, die sich in melodiösen Passagen auflösen und begeistern dabei. Wenngleich die Teilnahme am Twilight-Soundtrack und der ewige „next big thing“-Hype in der britischen Presse für manche böse Vorzeichen darstellen mögen: Wer sich hier live vom Können der Band überzeugen ließ, hatte die Gewissheit, dass all die Vorschusslorbeeren bei dieser Band auch im Nachhinein noch zu bestätigen sind.

Die letzten Klänge der Band of Skulls begleiteten dann auch schon den Weg eine Bühne weiter: Auf der Blue Stage spielten um 14:45 Uhr Everlaunch auf. Die Band hatte hier ein Heimspiel, sind es von Rotenburg (Wümme) doch bloß 15 Minuten Anfahrt. Und sie konnten auf ganzer Linie überzeugen. Mit ihren britisch angehauchten Indie-Klängen präsentierten sie Gefühl und Rock-Potenzial, mit dem sie die ebenfalls schon sehr zahlreichenden Anwesenden nicht nur begeistern, sondern auch zum Mitgehen und mitunter auch zum Mitsingen animieren konnten. Dabei spielten sie ein gelungenes Set aus ihren beiden Alben, darin natürlich auch Run Run Run enthalten, das es einst bis auf MTV schaffte. Aber auch die Stücke des Zweitlings Number One überzeugten, wie Hurricane als Quasi-Titelsong zum Wochenende oder auch Fray Your Senses. Der Abschluss Setting Sun sorgte dann noch für einen dieser Festival-Momente, von denen man gerne erzählt... Es fiel mal eben die gesamte Soundanlage der Bühne aus und es war nur noch der Bühnen-Sound zu hören. Ob die Band dies merkte oder nicht, ist nicht ganz geklärt, aber dass sie einfach weitermachten, als sei nichts gewesen, übertrug sich auch aufs Publikum. Ungeachtet des kaum noch vorhandenen Sounds wurde die Band um Thorsten Finner von den Zuschauern frenetisch weitergefeiert. Und das, man dürfte es nach diesem Absatz auch schon erahnen, vollkommen verdient!

Die Frage, wie groß die Schädigung der Soundanlage war, beantworteten Kakkmaddafakka als nächster Act und die Band mit dem eigenwilligsten Namen auf der Blue Stage. Die norwegische Indie-Band konnte klangtechnisch wieder aus dem Vollen schöpfen und tat dies auch. Stücke wie Make The First Move und Gangsta wurden dankbar von der Fanbase angenommen. Dennoch aber stand auch mal ein Blick auf die Green Stage auf dem Programm, wo die Eagles Of Death Metal um 16:30 Uhr anstanden. Die Band um Jesse „The Devil“ Hughes hatte aber vor allem eines im Gepäck: Lautstärke. Wer die Band mochte, war sichtlich begeistert davon, Titel wie Cherry Cola live zu hören. Um neue Fans zu akquirieren, war dies aber eher der falsche Rahmen.

Ein erneuter Blick auf den Zeitplan also für die Alternativen-Suche. Da musste man jedoch nicht lange überlegen, sondern sich lieber selbst beinah ohrfeigen, dass man es fast verdaddelte, dass ja Gus Gus auf der White Stage spielen. Und der erste Besuch auf der White Stage, der einzig verbliebenen Zeltbühne des Hurricane Festivals, sollte sich auf ganzer Linie lohnen. Zwar war das Zelt nicht so richtig gut gefühlt, aber vor der Bühne war dann doch eine ansehnliche Schar versammelt, die sich in ständiger Bewegung befand, während man sich im hinteren Bereich des Zeltes fragte, ob da nicht doch noch etwas anderes als Koffein in der Cola war. War es nicht, tatsächlich liefen dort ein Obelix-Verschnitt, eine Banane und ein riesengroßer Affe herum. Das Hurricane ist eben auch der Ort, auf dem die Menschen ihre Exzentrik ausleben. Allesamt konnten sie bei Gus Gus feststellen: Die White Stage hat einen beeindruckenden Sound, der den Klängen von Gus Gus sehr entgegenkam. Technoide Klänge mit Innovation, Bewegung auf der Bühne und permanente gute Laune sowie so ein Bewegungsdrang in den Beinen – das war es, was Gus Gus hier boten und bewirkten. Eine wahrlich großartige Dreiviertelstunde der Isländer!

Verschnaufpause? Fehlanzeige! Weiter geht es, die Rückkehr zur Blue Stage war an der Reihe. Einer der ganz Großen spielte auf: Thees Uhlmann und seine Band waren an der Reihe. Ist er sowieso bei einer ganzen Generation höchstbeliebt, so ist die Nähe dieses Auftritts zu Hamburg dann vermutlich noch ein weiterer Faktor, der diesen Auftritt vor vollem Haus zu einem Selbstläufer werden lässt. Neben seinen Songs sind auch die Bühnenansagen immer wieder ein Highlight seiner Shows, zum Beispiel wenn er erzählt, wie ihn einst eine Drogeriemarkt-Verkäuferin mit den Worten „Sie kenne ich! Sie sind doch der mit dem Fischlied!“ begrüßte. Natürlich, besagtes „Fischlied“ fehlte auch nicht. Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf auf Hälfte des Sets hielt die Stimmung hoch, aber auch Stücke wie & Jay-Z singt uns ein Lied wurden vom Publikum dankbar aufgenommen. Gefolgt von XOXO, einem Casper-Cover, den Thees Uhlmann noch einmal lobend erwähnte und sich erfreut dazu äußerte, dass neben Acts wie Bushido und Sido eben auch noch intelligente Künstler wie Casper auf die Nummer 1 kämpfen können. Die Toten auf dem Rücksitz markierte anschließend den Schlusspunkt des Auftritts.

Auf derselben Bühne brachten sich nun Florence + The Machine in Position, die mit einem soliden Best Of-Set für gute Laune sorgten und aktiv den Kontakt mit den Zuschauern suchten. Ein Plan, der aufging. Dennoch: Die Neugierde war zu groß, was die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten M83 auf der Red Stage zu bieten haben. Deren Auftritt wurde durch die Absage von City and Colour auf 20 Uhr vorverlegt, begann im Endeffekt aber bereits um 19:55 Uhr. Im Festivalprogramm als Shoegazer angekündigt, war dies ein eher falscher Teaser für die Band. Sicherlich waren irgendwo in der Musik noch Shoegazer- und DreamPop-Wurzeln, aber vielmehr zeigte sich an dieser Einstufung, dass Shoegazing längst ein Modewort geworden ist für viel Musik, die mitunter mit dem ursprünglichen Shoegazing wenig zu tun hat. Das jedoch nur am Rande und damit zurück zur Show. Die war schließlich hervorragend! Indie-Rock-Klänge mit Elektro-Einfluss, manchmal gar mit echten Bläsern auf der Bühne, was einen hohen Party-Anteil aufwies. Tatsächlich: M83 feierten in ihrem kurzweiligen Auftritt mit dem sich beständig größer werdenden Publikum eine riesige Party, die auch wieder diese besagten besonderen Festival-Momente bot. Wann erlebt man schon mal, dass die Graben-Security – berufsbedingt stets mit dem Rücken zur Bühne – plötzlich das Publikum zum Mitklatschen animieren? Oder gar mit Wasserpistolen in die Menge spritzen? Eben! Ein denkwürdiger Auftritt und eine der großen Überraschungen des Wochenendes.

Auch weiterhin ließ der Zeitplan keine Lücken zu... Daher gleich wieder zur Blue Stage zurück: Noel Gallagher’s High Flying Birds spielten schließlich auf. Im Gegensatz zu Liam spielt Noel auch noch Oasis-Stücke, was er gleich zu Beginn mit (It’s Good) To Be Free zeigte. So war das Set dann eine gute Mischung aus Oasis-Nummern und Solo-Stücken. Everybody’s On The Run und Dream On zum Beispiel zeigten gut, welche Stärken der ältere der beiden Gallaghers auch solo hat. Mal hymnisch, mal trotzig stampfend, immer voll bei der Sache, so präsentierte sich Noel Gallagher. Was dabei überraschte: Er war richtig zahm. Auf die Musik wirkte sich das natürlich nicht aus, aber man hatte hier tatsächlich den Eindruck, Noel Gallagher sei der freundliche Musiker von nebenan, mit dem man sich auch gerne mal auf einen Kaffee trifft. Die Sympathien des Publikums waren ihm so oder so sicher, sodass jedes Stück in frenetischem Applaus mündete. Ein Highlight war dabei unter anderem seine Parade-Ballade Talk Tonight, die ja im Grunde auch bei Oasis schon eher ein Solo-Stück von Noel war. Auch dieses ruhige Stück konnte die Zuschauer begeistern. Weiterhin ruhig bis rockig, zwischen Oasis und High Flying Birds, spielte sich Noel Gallagher hin zum großen Finale, das er nach Little By Little mit Don’t Look Back In Anger bot. Da reicht es auch, wenn er nur den halben Text singt, denn diese generationen-übergreifende Hymne konnte hier jeder mitsingen. Gänsehäute, sich in den Armen liegende Menschen, große Euphorie – ein grandioser Schluss. Alles richtig gemacht, Herr Gallagher! Und dabei ein definitives Highlight des Hurricane Festivals 2012 geboten.

Es folgte eine längere Umbau-Pause, die sich beispielsweise gut mit den Hardcore- und Punk-Klängen von Rise Against auf der Green Stage überbrücken ließ, die hier das Publikum voll im Griff hatten. Auf der Blue Stage ging es dann erst um 22:30 Uhr weiter, mit einer Band, die auf den ersten Blick überraschend diesen späten Slot innehatte: Mumford & Sons waren zu sehen. Lange ließen sie sich trotz Verletzung des Frontmanns auch nicht bitten, sondern spielten gleich an zweiter Stelle mit Little Lion’s Man einen ihrer großen Hits und traten den lebenden Beweis an, dass man auch mit Folk-Klängen eine Bühne wie die des Hurricane Festivals zu später Stunde bespielen kann und damit das Publikum in Verzückung versetzen. Mit Rock-Einfluss und Spielfreude, häufig auch mit Streichern, präsentierten sie ein gelungenes Set, das mal minimalistisch und mal mit den ganz großen Gesten begegnete und es auch schaffte, gegen Blink-182 auf der Green Stage zu bestehen. Ein überraschend guter Auftritt, der auch die späte Spielzeit durch und durch rechtfertigen konnte.

Während Blink-182 auf der Green Stage einen Auftritt hinlegten, wie man ihn von der Band gewohnt ist, eben punkig und mit viel Spaß an der Sache, waren um 00:30 Uhr auf der Blue Stage Justice an der Reihe, die vor allem eines wollten: Die Menschen zum Tanzen zu bewegen. Aber da war eben noch etwas: Garbage als heiß ersehnte Band spielten auf der Red Stage. Ob es nun an der Haarfarbe der Sängerin liegt, dass sie auf der Red Stage spielten, kann man nur vermuten, aber man kann feststellen: Die Bühnenplanung war an dieser Stelle – ähnlich wie am Vortag bei Casper – nicht ganz so optimal, denn es waren dann doch mehr als zwei bis drei Leute, die Garbage sehen wollten. Um 01:00 Uhr eröffneten sie mit Automatic Systematic Habit zunächst mal mit dem Opener des aktuellen Albums Not Your Kind Of People, zollten danach aber schnell der Tatsache Tribut, dass die Fans eben auch die großen Hits hören möchten. Wie zum Beispiel das gleich darauf folgende I Think I’m Paranoid. Zwar wurde immer mal eines der neuen Stücke eingewoben, aber im Mittelpunkt standen Klassiker wie Stupid Girl, Vow, Queer und wie sie alle heißen. Natürlich sehr zur Freude des Publikums. Zum Abschluss spielte die Band um Shirley Manson dann mit Only Happy When It Rains ihren vielleicht größten Hit und ließ auch am zweiten Festival-Tag ein zufriedenes Publikum zurück.

Wir haben für euch schon einmal eine Galerie mit Bildern des zweiten Tages zusammengestellt, die ihr hier oder durch Anklicken der Bilder erreichen könnt:

Galerie Hurricane Festival Tag 2 (Samstag, den 23.06.2012)

Die Berichte und Fotos von Tag drei folgen kurzfristig!


Autor: Marius Meyer
Fotos: Michael Gamon