Donnerstag, 21. August 2014
STEVEN WILSON - Dortmund, FZW (13.05.2012) PDF Drucken E-Mail

"Imagine your football team has just won a big trophy", sagt der schmächtige Nerd mit den strähnigen Haaren und den nackten Füßen irgendwann im Laufe des Abends mit einem Augenzwinkern. Angesichts der schwarzgelben Massen, die zeitgleich rund um das FZW bierselig feiern - und freundlicherweise die Anfahrtswege freigehalten haben - kann sich das in der gut gefüllten Halle sicher jeder gut vorstellen.

Doch kann man sich auch vorstellen, dass sich aus dem Trommler von Nena und den H-Blockx, dem Bassisten von Kajagoogoo und Kim Wilde und einem relativ unbekannten Gitarristen, der auf zahllosen YouTube-Videos nervige Skalen dudelt, eine große Band formen lässt? Steven Wilson ist auf seiner ersten Solotour genau das eindrucksvoll gelungen, denn Marco Minnemann (dr), Nick Beggs (b, voc) und Niko Tsonev (git) bilden zusammen mit Keyboarder Adam Holzman (Miles Davis Band) und dem Holzbläser Theo Travis (David Sylvian, Robert Fripp) das perfekte Rückgrat für Wilsons Kompositionen, die überwiegend vom aktuellen Album Grace for Drowning stammen.

An Evening with Steven Wilson verheißt die Aufschrift auf dem Ticket, was den Verzicht auf nervende Vorbands bedeuten soll. Die Geduld derer, die pünktlich um 19 Uhr eintreffen, wird dennoch auf eine harte Probe gestellt. Volle 90 Minuten wabern die Klänge von Wilsons Ambient/Drone-Projekt Bass Communion durch den Saal, während ein transparenter Vorhang vor der Bühne mit ruhigen Filmsequenzen von Lasse Hoile beschienen wird.

Der Vorhang trennt auch noch die Bühne vom Publikum, als Minnemann hinter sein Drumkit klettert und zunächst alleine No Twilight Within the Courts of the Sun vom Debütalbum Insurgentes anstimmt. Der Rest der Band steigt nach und nach ein, und im ausgedehnten jazzigen Intro wird bereits deutlich, dass Travis, der im Laufe des Abends das gesamte Spektrum von Flöte über Klarinette bis zum Saxophon bedienen wird, auch den "alten" Songs wunderbare neue Facetten gibt. Schließlich betritt der Meister unter großem Jubel die Bühne und der 11-minütige Opener endet im Wechselspiel aus heftigen Gitarreneruptionen und sanften Gesangspassagen. Es folgen die eingängigeren, kürzeren Songs von Grace for Drowning. Klassische Songstrukturen treffen auf zuckersüße Melodien; eine große Stärke Wilsons ist, dass es ihm gelingt, solch ruhige Nummern nicht kitschig klingen zu lassen.

Zum Finale des wuchtigen Instrumentals Sectarian, in dessen Mittelteil wieder hemmungslos gejazzt werden darf, fällt dann endlich der Vorhang, was beim Zuschauer den interessanten Eindruck bewirkt, jetzt endlich alles in HD zu sehen. Mit Remainder the Black Dog steht dann auch schon der erste der beiden Longtracks des aktuellen Albums auf der Setlist. Spätestens jetzt ist klar, dass die Band warmgespielt ist und im weiteren Verlauf des Abends keine Gefangenen gemacht werden. Nach der Achterbahnfahrt aus Prog, Jazz, Metal, Kakophonie und ruhigen Piano-, Gesangs- und Klarinettenpassagen sinkt man erschöpft zurück und fragt sich, was einen da soeben überrollt hat.

Im Vergleich zum ersten Teil der Tour im vergangenen Herbst zeichnen sich die Musiker durch noch mehr Spielfreude und Improvisationen aus. Vor allem die Rhythmusgruppe überzeugt durch druckvolles Spiel und hohe Virtuosität. Der wirklich gute, sehr differenzierte Sound im FZW sorgt ebenfalls für ein nahezu ungetrübtes Hörerlebnis. Lediglich Tsonev, nach Aziz Ibrahim und John Wesley bereits der dritte Gitarrist auf dieser Tour, spielt nicht ganz auf dem Niveau der restlichen Band. Das wirklich nicht sonderlich anspruchsvolle Intro von Harmony Korine klingt bei ihm jedenfalls irgendwie nach Schülerband.

Wilson wechselt -gerne auch mehrfach in einem Song- ständig zwischen der Rolle des Gitarristen, Keyboarders und Dirigenten. Er ist beseelt von der Musik und offensichtlich genauso angetan von der Qualität seiner Musiker wie sein Publikum.

Die Ansage zum bisher unveröffentlichten Stück Luminol sorgt leider dafür, dass die seit Monaten schwelenden Auflösungsgerüchte um Wilsons Hauptband Porcupine Tree verstärkt werden. Er erzählt, wie er auf der Tour mit den Musikern zu einer echten Band zusammengewachsen ist, die auch in Zukunft bestehen soll und für die er bereits neue Stücke schreibt. Sein nächstes Projekt ist demnach sein drittes Soloalbum, welches Luminol enthalten wird. Das neue Stück entpuppt sich als eindrucksvolles Klanggewitter, das scheinbar nach dem Prog-Lehrbuch geschrieben wurde. Es wirkt insofern untypisch für Wilson, da bei seinen Kompositionen trotz der Komplexität eigentlich immer das überragende Songwriting im Vordergrund steht. Bei Luminol tritt es dagegen weitestgehend zurück hinter eine Aneinanderreihung abgedrehter Parts, die hauptsächlich der Profilierung der einzelnen Musiker dienen.

Den Abschluss des zweistündigen Konzerts bildet das 24-minütige Herzstück von Grace for Drowning Raider II. Hier werden nochmals sämtliche Register gezogen, alle denkbaren musikalischen Genres durchschritten und unverblümt den Proghelden der 70er -allen voran King Crimson- gehuldigt. Als Zugabe gibt es Get All You Deserve, das sehr fragil beginnt und - nachdem Mr. Wilson kurz die Bühne verlassen hat, um sich eine alberne Gasmaske aufzusetzen - in einer Noise-Orgie endet. Sehr sympathisch ist die gewohnt demütige Verabschiedung der Band vom restlos begeisterten Publikum.

Fazit: ein denkwürdiger Abend für Dortmund, das an jenem Sonntag gleich zwei Meisterfeiern miterleben durfte. Ein derart atmosphärisch dichtes Konzert, bei dem keine Sekunde Langeweile aufkommt, mit der richtigen Mischung aus musikalischer Perfektion, Improvisation und Spielfreude erlebt man selten.

Sollte Porcupine Tree tatsächlich Geschichte sein, bleibt als Trost, dass es mit dieser grandiosen Band definitiv weitergeht.

Setlist:
01. No Twilight Within the Courts of the Sun (Insurgentes)
02. Index (Grace for Drowning)
03. Deform to Form a Star (Grace for Drowning)
04. Sectarian (Grace for Drowning)
05. Postcard (Grace for Drowning)
06. Remainder the Black Dog (Grace for Drowning)
07. Harmony Korine (Insurgentes)
08. Abandoner (Insurgentes)
09. Insurgentes (Insurgentes)
10. Luminol (unveröffentlicht)
11. No Part of Me (Grace for Drowning)
12. Raider II (Grace for Drowning)
13. Get All You Deserve (Insurgentes) (Z)

Autor: Christian Galle
Fotos: Daniela Vorndran (www.black-cat-net.de)