Donnerstag, 27. November 2014
Destroid - Silent World EP PDF Drucken E-Mail

Destroid - Silent World EP



Das Jahr 2010 hat gerade einmal 2 Monate auf dem Buckel und Herr Myer schickt neben dem gerade erschienenen "Architect"-Album "Consume Adapt Create" mit Bandkollegen Sebastian Ullmann direkt eine EP seines Projekts "Destroid" mit dem Titel "Silent World" als musikalischen Zuckerguss oben drauf vom Band. Ein weiterer Happen für die augehungerten Fans, um die Wartezeit zu überbrücken, bis endlich das langerwartete Covenant-Album, an dem Daniel ebenfalls mitwerkelt, endlich das Licht der Verkaufsregale erblickt. Nicht zu vergessen: der nächste Destroid-Longplayer. Nach dem Release ist vor dem Release.

Die beiden bisher erschienen Destroid-Alben waren überwiegend intelligentes Tanzflächenfutter, enthielten aber auch ruhigere Tracks und waren insgesamt immer ein subtiler Tritt in den Hintern der sich gegenseitig kopierenden und uninspirierten Vor-Zurück-Kapellen, daher ist die Neugier nicht ganz unbegründet: was wird aufgetischt?

Konsequenterweise und für alle Projekte Myers typisch ist auf der vorliegenden EP wieder – im positiven Sinne – nichts standard. So beginnt die EP mit "I Walk Slow" auch als kühle und zerbrechliche Klanglandschaft, durch die eine sich ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusste Stimme sonor ihren Weg bahnt, alles zurücklässt, innehält und über Unabwendbares, alternative Realitätsmöglichkeiten und Hoffnungen sinniert. Klanglich minimalistisch gehalten, soundtechnisch ein wenig an neuere Covenant-Stücke angenähert, räumt Daniel Myer mit dem Vorurteil auf, dass Electro immer dicht gewobenes Gewummer mit tausend Effekten und einer Extraportion Sägezahn mit Bitcrusher sein muss. Stille gekonnt zwischen die Sounds zu streuen wird hier zur Kunstform erhoben.

"Silent World" steigert nach einem weiteren sehr flächig gehaltenen Einstieg das Tempo und arbeitet sich im oberen Midtempobereich Richtung Tanzflächen vor. Mit sanften Melodien und Flächen, druckvollen Bässen, treibenden Beats und einer breiten Palette selbstgezüchteter Nonstandard-Sounds drücken Destroid "Leaving Ground" ihr akustisches Brandzeichen auf. Abgerundet wird die erste Hälfte der EP mit einer Coverversion des "Sisters of Mercy"-Klassikers "Lucretia My Reflection" mit Sven Friedrich (Zeraphine/Solar Fake). Hier ist Destroid eine Coverversion gelungen, die sich nicht hinter dem Original verstecken muss. eigentlich 2009 als einmalige Spaßnummer in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen entstand, dann immer wieder auf Konzerten vom Publikum eingefordert wurde und jetzt mit Recht das Prädikat "amtlich abgenickt und extrem clubtauglich" einheimsen darf. Es stellt sich lediglich die Frage, ob Sven Friedrich der Vollständigkeit halber ans Mikro gebeten wurde; Herr Myer hatte diverse Male live eindrucksvoll bewiesen, dass er dieses Stück auch locker stimmlich stemmen kann. Der zweite Mix von Lucretia hingegen ist scheint für den Heimgebrauch gedacht: das Gewummer wurde merklich ausgedünnt, dafür hat man eine Familienpackung Percussions eingerührt und den Gesang in den Vordergrund gerückt. Tut nicht weh, vergoldet den Silberling aber auch nicht zusätzlich.

"Leaving Ground" im Assemblage 23-Remix und "Silent World" von [:SITD:] eröffnen die zweite Hälfte der EP mit clubtauglich aufgebohrten Fassungen und den unverkennbaren stilistischen Markenzeichen der jeweils Hand anlegenden Band. Kein virtuoses Effekt-/Filtergeschraube, keine Überraschungen, aber solide, kurzweilig und wuchtig; kurz: Tanzflächenbreitwandformat. People Theatre lockert mit seinem chilligen Mix von "Bird of Prey" die Atmosphäre ordentlich auf und verpackt den Track vom Album "Loudspeaker" gestampffrei als houselastige Mischung aus 80s, Minimalelectro und Pop. Die EP klingt mit "Let Me Leave" aus, welches in der vorliegenden Livefassung eine komplett neue Instrumentierung und eine wesentlich tiefgründigere Atmosphäre und somit einen wesentlich höheren Gänsehautfaktor verpasst bekommen hat. Zwar wäre eine Studioversion sicher ein nettes Geschenk an die Fans, aber die Livefassung verfehlt ihren Effekt auch nicht.

"When you grow up, your heart dies" (Breakfast Club)
Von Herztod-durchs-Erwachsenwerden kann man nicht reden, aber es ist unbestritten, dass Destroid mit "Silent World" erwachsener klingen und die CD-Sammlungen mit dieser Veröffentlichung um eine anspruchsvolle Auswahl feiner Tracks bereichern werden.

Tracklist:
01. I Walk Slow
02. Silent World
03. Leaving Ground
04. Lucretia My Reflection
05. Leaving Ground (Assemblage 23 RMX)
06. Silent World (SITD RMX)
07. Bird Of Prey (PT's Claw RMX)
08. Lucretia My Reflection (Alternative Version)
09. Let Me Leave (Live in Austin/TX)


Autor: I. Illés